Auslandspraktikum im Jura Studium – Anwaltspraktikum in Nanjing, VR China

Ein Auslandspraktikum ist der Traum vieler Studenten. Im August 2019 erfüllte sich unser Traum eines Praktikums im Ausland. Wir fuhren nach China, in die Provinz Jiangsu, um dort in der Provinzhauptstadt Nanjing unser Anwaltspraktikum zu absolvieren. Unsere Erlebnisse und Erfahrungen möchten wir im Folgenden gerne mit euch teilen!

Die Stadt Nanjing(南京)

Nanjing ist eine historisch wertvolle Stadt am Jangtse Fluss (chin. ⻓江). Die ehemalige Hauptstadt Chinas hat heute knapp 10 Millionen Einwohner und wächst stetig. Nanjing ist über die öffentlichen Verkehrsmittel wie Schnellzug oder Flugzeug gut zu erreichen. Im Gegensatz zu anderen chinesischen Großstädten ist Nanjing sehr grün. Die Stadt bietet mit

Die Stadt Nanjing wächst stetig. Hier sind die jüngsten Hochhäuser im Süden Nanjings zu sehen. In dieser Gegend befand sich auch unser Apartment.

großzügigen Grünanlagen, Seen und Parks ausreichend Möglichkeiten zum Entfliehen aus dem Großstadttrubel.

Was ist grundsätzlich in China zu beachten? China ist ein Land, das sich in den verschiedensten Aspekten von europäischen Ländern unterscheidet. An vielen Stellen können deswegen Reibungspunkte entstehen, die einem unbeschwerten Aufenthalt entgegenstehen. Im Folgendem zeigen wir euch ausgewählte Probleme, die während unseres Aufenthalts in China entstanden sind, auf. Unser Aufenthalt galt nahezu vollständig dem Praktikum und war selbst organisiert. Unterstützung erhielten wir durch Freunde, die wir schon 2018 während einer Summerschool an der Anhui Universität in Hefei kennengelernt hatten. Nach der Landung trafen wir relativ schnell auf die erste Herausforderung. Ohne chinesische SIM-Karte ist die Kommunikation stark eingeschränkt. Vor Ort fiel die Entscheidung auf einen im Flughafen stationierten Anbieter. Diese sind erfahrungsgemäß oft teurer, jedoch ist die Navigation zum Reiseziel ohne Ortskenntnis oder die Hilfe verschiedener Apps besonders schwierig. Öffentliche Verkehrsmittel sind in China immer stark ausgelastet, sodass man stets mit einer längeren Wartezeit rechnen muss. Als Ausländer ist man auf den Fahrkartenservice am Schalter angewiesen, da es für Ausländer in Ermangelung eines chinesischen Ausweises keine elektronische Fahrkarte gibt. Fahrkarten können vorher online gebucht werden, müssen dann aber unter Vorlage des Reisepasses abgeholt werden. Beeindruckend war vor allem die Pünktlichkeit der chinesischen Schnellzüge. Auf einer Strecke von über 1000 km hatten wir nicht eine Minute Verspätung.

Nach der Ankunft in unserer Wohnung konnte noch nicht an Ruhe gedacht werden. Jeder Ausländer, der in China nicht in einem Hotel übernachtet, muss sich bei der Polizei melden. Was uns zu dem Zeitpunkt jedoch unbekannt war, dass die Meldung auch durch eine WeChat App möglich ist. WeChat ist das gängige Kommunikationsprogramm in China. Wer nach China reist, sollte sich das auf jeden Fall herunterladen. Der wichtigste kulturelle Unterschied, den man sofort erkennt, wenn man nach China reist, ist der Verkehr. Der Verkehr ist, anders als in Deutschland, sehr chaotisch und durcheinander. Eine gültige Straßenverkehrsordnung gibt es zwar, allerdings vermag die Einhaltung der Regeln noch nicht überall und immer zu funktionieren.

In der Vorlesung an der Nanjing University

Nanjing Universität (南京⼤学)

Die Nanjing Universität zählt zu den besten juristischen Fakultäten Chinas. Aus diesem Grund wollten wir uns auch einmal mit der Uni vertraut machen. Wir ergriffen die Möglichkeit, an einer chinesischen Vorlesung im Gesellschaftsrecht, zu der uns ein befreundeter Professor der Nanjing University einlud, teilzunehmen. In dieser Veranstaltung wurde die chinesische GmbH mit dem japanischen und deutschen Pendant verglichen. So erhielten wir, neben den Erfahrungen in der Kanzlei, auch einen Einblick in das Studium an einer chinesischen Universität. Dies hat uns im Anschluss der Reise dazu bewegt, nach Abschluss des Staatsexamens in Osnabrück, ein Masterstudium in China anzustreben.

Die Kanzlei(律师事务所)

Das Praktikum absolvierten wir in der Kanzlei Allbright Law (chin. 上海市锦天城(南 京)律师事务所). Die Kanzlei ist mit über 3100 Anwälten und 21 Standorten eine der größten Kanzleien in China.

Yannick, 吴⼩红 (Wu Xiaohong) (Position: COO Nanjing Office), Philipp

Allbright hat auch Büros in Hongkong, London und Seattle. Dabei versteht sich die Kanzlei als eine full-service law firm. Die Anwälte sind dabei spezialisiert auf Corporate and M&A, International Trade, Cross-Border Investment, Securities and Capital Markets, Banking and Finance, Real Estate and Infrastructure, IP, Maritime Affairs, Litigation, Arbitration. Unser Praktikum fand im Büro in Nanjing statt. Am Standort Nanjing sind 120 Anwälte beschäftigt und decken das gesamte Repertoire der Kanzlei ab. Das Praktikum absolvierten wir beide in unterschiedlichen Praxisgruppen. Eine Praxisgruppe ist dabei ein Team, das aus mehreren Anwälten besteht und sich unter der Führung eines Partners jeweils einem speziellem Rechtsgebiet widmet. Mitglieder einer Praxisgruppe sind dabei der Partner, mehrere Anwälte und wissenschaftliche Mitarbeiter.

蔡锦云 (Cai Jinyun) (Position: COO Albright Law Offices), Philipp, Yannick, Abigail Zhang (Position: Associate Shanghai Office)

In den jeweiligen Praxisgruppen wurden wir nicht nur an der Mandatsarbeit beteiligt, sondern begleiteten die Anwälte auch zu Beratungen mit Mandanten, bei Terminen am Gericht oder bei Events zur Mandantenakquise . Gemeinsame Essen und Feierlichkeiten dienen der Stärkung des Verhältnisses zwischen Mandant und Kanzlei. Sie dienen dem informellem Austausch und regelmäßigem Kontakt. So wurde etwa das chinesische Mondfest, eines der drei wichtigsten chinesischen Feiertage, gebührend gefeiert. Zudem nahmen wir an Treffen von Industrieverbänden der Provinz teil und erhielten Einblicke in die Repräsentation der Kanzlei nach außen.

Philipp, Gesellschaftsrecht M&A

Philipp arbeitete in einem Team für Gesellschaftsrecht, M&A. Die Praxisgruppe Gesellschaftsrecht beschäftigt sich mit der Ausarbeitung von Gesellschaftsverträgen oder der Konzeption von Verträgen über den An- oder Verkauf von Unternehmen. Das mehrköpfige Team kümmerte sich u.a. um die Analyse fundamentaler Unternehmensdaten in Vorbereitung auf Verkaufsverhandlungen (due diligence). Eine besondere Herausforderung des Teams war ein speziellen Fall. Einem Mitarbeiter eines Unternehmens des Mandanten gelang es mittels umfangreicher Urkundenfälschung in der Abwesenheit des Eigentümers das gesamte Unternehmen zu liquidieren und sich an der Verkaufssumme zu bereichern. In diesem Fall gab es mehrere Problemfelder. Unser Fokus

Im Kanzleialltag standen regelmäßig auch Besprechungen mit den Partnern auf der Tagesordnung.

lag auf der Forderung von Schadensersatz für den entstandenen Aufwand zur Wiederherstellung der Eigentumsrechte am Unternehmen unseres Mandanten. Diese Summe forderte unser Mandant nun von dem beklagten Mitarbeiter zurück. Des Weiteren beschäftigte sich Philipp mit Versicherungsfällen und der internationalen Vollstreckung eines Urteils.

Yannick, Litigation & Alternative Dispute Resolution

Yannick arbeitete in einem Team für Litigation & Alternative Dispute Resolution. Anwälte im Bereich Litigation sind Prozessanwälte und kommen immer dann zum Einsatz, wenn es vor Gericht geht. In der Praxisgruppe werden Klagen und Klageerwiderungen verfasst und schließlich der Prozess geführt. Zurzeit standen etliche Verfahren an. Darunter Klagen zum ICC in Paris (International Chamber of Commerce (Schiedsinstitution für außergerichtliche Streitbeilegung), in der wir unseren chinesischen Mandanten vor einer Haftung im Ausland bewahren mussten. Darüber hinaus betreute das Team auch Fälle, in denen an verschiedenen Gerichten in Nanjing und dem Oberstes Volksgericht der Volksrepublik China Ansprüche des kauf- und werkvertraglichen Gewährleistungsrechts durchgesetzt wurden.

Vortrag zum deutschen Gesellschaftsrecht

Am Ende des Praktikums stand noch ein wichtiger Termin an. Wir hielten einen rechtsvergleichenden Vortrag über deutsches und chinesisches Gesellschaftsrecht vor den Partnern des Standortes Nanjing. Einigen Partner reisten extra aus dem Hauptsitz in Shanghai an. Im Vortrag verglichen wir den Aufbau unterschiedlicher Gesellschaftsformen und die Haftung der Gesellschafter deutscher und chinesischer Gesellschaften. Anschließend erörterten wir Möglichkeiten der Strukturierung von Konzernen im Rahmen von deutsch-chinesischen Cross-Border-Investitionen.

Philipp und Yannick bei ihrem Vortrag vor den Partnern des Büros in Nanjing

Resümee

Nach allen Erfahrungen, die wir in China und insbesondere in Nanjing machen durften, können wir von uns behaupten, das Land etwas besser kennengelernt zu haben. Für alle, die sich vorstellen können, als Anwalt in einem internationalen Umfeld zu arbeiten ist dies der ideale Weg, sich schon früh zu orientieren. Aber auch diejenigen, die nur einen Vergleich zur deutschen Praxis ziehen möchten, kommen auf ihre Kosten. Ein Auslandspraktikum ist jedem zu empfehlen, der ein besonderes Interesse an fremden Kulturen und Sprachen hat oder gerne einen anderen Blickwinkel auf den Arbeitsalltag eines Juristen erhalten möchte. Wir können jedem Studenten empfehlen, die Planung des Studiums mit einer weltoffenen Einstellung anzugehen und so schon früh Auslandserfahrung zu sammeln. Dies kann ergänzend zur fachspezifischen Fremdsprachenausbildung das Profil und den Lebenslauf schärfen und der Ausrichtung des Studiums dienen. Wir hoffen, wir können euch mit unseren Erfahrungen für ein Praktikum im Ausland begeistern!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.