Wirtschaft von China

50 Jahre in China - Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Chinas

Wir, als Initiative CIRCLE for Students, konnten für den 02.11.21 den erfolgreichen Osnabrücker Unternehmer Prof. Dr. Hans-Wolf Sievert für unsere Vortragsreihe China-Kompetenz gewinnen.
Die Sievert SE ist ein mittelständisches Unternehmen der Baustoffbranche, zählt 1700 Mitarbeiter und unterhält 60 Standorte weltweit, darunter fünf in China.
Herr Sievert, Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats des Unternehmens, gab zunächst eine kurze Einführung in die historische Entwicklung Chinas. Danach sei China bereits im 15. Jahrhundert eine Weltmacht gewesen und würde nun eine spektakuläre Rückkehr Chinas auf die Weltbühne vollführen.

 
Dr. Hans-Wolf Sievert bei seinem Vortrag 50 Jahre China

Mao Zedong, der „große Steuermann“, habe mit revolutionärem Elan das Land wirtschaftlich und gesellschaftlich aus den Angeln gehoben und durch Sozialexperimente großen Stils an den Rand des Zusammenbruchs geführt. Sein Nachfolger Deng Xiaoping habe die Losung „Bereichert euch“ ausgegeben – eigentlich unvorstellbar in einem kommunistischen Land. Gleichzeitig habe er China für ausländische Unternehmen geöffnet. Damit habe sich China verabschiedet von der Politik der völligen Gleichheit und der hermetischen Abriegelung des Landes.
1984 erhielt Herr Sievert die Chance, mit einer niedersächsischen Wirtschaftsdelegation unter dem damaligen Ministerpräsidenten Albrecht in das Land der Mitte zu reisen. Bald darauf habe sein Unternehmen eine Repräsentanz in Peking eröffnet, neben der schon zuvor geführten Niederlassung in Hong Kong. Das Büro in Peking sei unter anderem auch für die Vertretung der Interessen der niedersächsischen Wirtschaft und für die Norddeutsche Landesbank zuständig gewesen. Heute unterhalte die Sievert Unternehmensgruppe Baustoffwerke in den Provinzen Anhui, Jiangsu und Zhejiang. Herr Sievert kümmere sich persönlich um die chinesischen Aktivitäten des Unternehmens. Dabei kämen ihm seine Sprachkenntnisse und sein interkulturelles Wissen zugute.
Herr Sievert betonte mit Nachdruck, dass das Chinageschäft sehr zeitaufwendig sei. Gleichwohl sei China ein bevorzugter Standpunkt für ausländische Investoren. Laut einer Studie von PWC dauere es 8-10 Jahre, bis ein Unternehmen aus dem Ausland in die Gewinnzone komme.
Die größte Herausforderung für ausländische Investoren sei die Andersartigkeit der Kultur Chinas. Der deutsche Mittelstand handele im Ausland oft nach der Devise „Geschäft ist Geschäft“ und lasse die Kultur häufig außer Acht. Darin sieht Herr Sievert einen wesentlichen Grund für das Scheitern vieler deutscher Unternehmen in China.

Das Phänomen Kultur enthalte verschiedene Aspekte. Zum einen den materiellen Aspekt (Artefakte), zum anderen den immateriellen Aspekt (Werte & Normen).
Dabei seien für China zwei Wertdimensionen von überragender Bedeutung. Nämlich Hierarchie und Kollektivismus. Auch im chinesischen Alltagsleben machten sich laut Herrn Sievert hierarchische und kollektivistische Einstellungs- und Verhaltensweisen stark bemerkbar.

Hinter den Kulissen beim Vortrag von Dr. Hans-Wolf Sievert

Hierarchie: Hierarchische Strukturen gäbe es in allen Ländern, aber jeweils in unterschiedlicher Ausprägung. In Deutschland beispielsweise sei ein eher kooperativer Führungsstil typisch.
In China allerdings gelte das „top-down“ Prinzip. D.h. der Chef ist von überragender Bedeutung und die Mitarbeiter werden in die Entscheidungsfindung kaum mit einbezogen. Am alten Kaiserhof habe
es laut Sievert 14 verschiedene Hierarchiestufen gegeben. Auch die modernen chinesischen Firmen seien immer noch stark hierarchisch gegliedert.
Die ausgeprägten hierarchischen Vorstellungen in China können bei interkulturellen Zusammentreffen zu Problemen führen, wie z.B. bei der Erstellung einer Tischordnung.

Kollektivismus: Die chinesische Gesellschaft sei stark kollektivistisch geprägt. Der einzelne Chinese frage sich eher „Welche Pflichten habe ich?“. Für vom Individualismus geprägte Kulturen gelte eher die Frage „Welche Rechte habe ich?“
Das für China typische Führungssystem sei der von Konfuzius geprägte Paternalismus („Der Herrscher sei streng und gütig zugleich“).
Im weiteren Verlauf des Vortrags sprach Herr Sievert über das Vertrauen in China. Dies sei im Grunde ähnlich wie auch in Deutschland. Allerdings ergäben sich in China hinsichtlich des Vertrauens einige Besonderheiten. So sei der chinesische Vertrauensbegriff sehr stark im emotionalen Bereich angesiedelt. Aus diesem Grunde werde China auch als „Deep Trust Culture“ bezeichnet.

In diesem Zusammenhang müsse auch das im Ausland umstrittene Sozialkreditsystem gesehen werden. Nach der Vorstellung der chinesischen Regierung solle hiermit mehr Sicherheit und Ordnung geschaffen und damit das Vertrauen in die Gesellschaft erhöht werden.
Eine weitere Besonderheit des in China vorherrschenden Vertrauensbegriffes sei das sog. „kategoriale Vertrauen“. Dies bedeute, dass man eigentlich nur den Mitgliedern der „Eigengruppe“ vertraue und den Vertretern der „Fremdgruppe“ mit Misstrauen begegnen würde. Hierin liege ein großes Problem für die ausländischen Unternehmen. Für sie sei es im Allgemeinen sehr schwer, das Vertrauen ihrer chinesischen Geschäftspartner zu gewinnen.

Trotz all dieser Schwierigkeiten sei es der Sievert Unternehmensgruppe gelungen, sich in China als eine vertrauenswürdige Firma zu etablieren. Herr Sievert sieht dies als einen wesentlichen Erfolgsfaktors
seines Unternehmens.
Das dem Unternehmen in China entgegengebrachte Vertrauen macht Herr Sievert an drei Faktoren fest: Zum einen sei es die Qualität seiner Produkte. Zum anderen das Eingehen auf die chinesische
Kultur, wie es z.B. in der Einstellung eines Kulturmanagers deutlich werde. Außerdem wirke sich die von der Sievert SE in China betriebene „Corporate Social Responsibility“ (CSR) (z.B. Förderung Kulturaustausch, Städtepartnerschaften, Schülern und Studenten), sehr positiv auf die
Vertrauensbildung mit den chinesischen Kunden aus. Herr Sievert selbst ist in China als Gastprofessor tätig und hat dort mehrere Honorar- und Gastprofessuren inne.

Damit endet der aufschlussreiche Vortrag von Herrn Sievert über seine Erkenntnisse und Erfahrungen zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung des Landes.

Es war CIRCLE for Students eine große Ehre und Freude, Herrn Prof. Dr. Hans-Wolf Sievert begrüßen zu dürfen!

Dr. Hans-Wolf Sievert, Prof. Dr. Georg Gesk und die Begründer der Initiative CIRLCE for Students

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